28. März 2025

«Wochendiagnose: Rosso und Rodin»

Im Kunstmuseum läuft die erste Ausstellung der neuen Direktorin Elena Filipovic. Sie bietet die seltene Gelegenheit, das einzigartige Schaffen von Medardo Rosso in einer Überblicksschau zu entdecken. Rosso revolutionierte um 1900 die Bildhauerei und prägte die Kunst seiner Generation und der Nachwelt. Sein Werk wird im Spiegel seiner und nachfolgender Künstlergenerationen präsentiert.

Man kann sich fragen, weshalb heute Rodin viel berühmter ist als Rosso. Ist seine Kunst eingängiger, hatte er einen besseren Impresario, war er der begnadetere Selbstdarsteller? Im Grunde genommen ist das gar nicht so wichtig. Was zählt sind vielmehr die Werke, die von ihnen und ihren Zeitgenossinnen und Zeitgenossen geschaffen und über die Jahre inspiriert wurden.

In der Politik gibt es ähnliche Beispiele. Mit dem Civil Rights Act von 1964 wird zumeist der ikonisch-charismatische John F. Kennedy in Verbindung gebracht, obwohl der weniger spektakuläre Lyndon B. Johnson das Werk erst durch den Kongress brachte. Das ist aber ebenfalls weniger wichtig als die Tatsache, dass damit nach jahrzehntelangem politischen Ringen endlich ein gewaltiger Schritt gegen Diskriminierung erreicht wurde. Ein Fortschritt, der von einer Massenbewegung erkämpft werden musste, und der auch heute aktiv verteidigt werden muss.

Die inspirierende Kraft des Diskurses, die Dynamik des Miteinanders, der Wettbewerb der Ideen bleiben gültige Argumente gegen die autokratischen Tendenzen, die uns derzeit Sorge bereiten. So gesehen bietet uns die Rosso-Retrospektive auch einen Anlass zu demokratischem Optimismus.

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«Wochendiagnose»

Bildquelle: Museo Medardo Rosso, Barzio